Peter Hurley „The Headshot“ – Buchbesprechung

Menschen portraitieren, das ist die hohe Kunst der Fotografie. Einer, der sie wie kaum ein anderer beherrscht, ist der amerikanische Fotograf Peter Hurley. Als Fotomodell stand er lange selbst vor der Kamera, bis er selber eine zur Hand nahm. Heute ist Peter Hurley einer der gefragtesten Portraitfotografen in New York. In seinem Buch „The Headshot – The Secrets of Creating Amazing Headshots Portraits“ stellt er seine Arbeitsweise vor. 

Noch nie wurde so viel fotografiert wie in unserer heutigen Zeit. Unsere Bilder sind allgegenwärtig: Selfies, Facebook, Twitter, Xing, Linkedin. Doch kaum stehen Menschen vor der Kamera eines Profi-Fotografen, geschieht etwas merkwürdiges: Sie sind nicht mehr sich selbst. Ihr Blick wird starr, das Lachen friert ein. Der Fotograf hat nicht nur die Aufgabe, eine technisch perfekte Aufnahme zu machen. Er muss an allererster Stelle mit der Person vor der Kamera kommunizieren und Vertrauen aufbauen. Zwischen Fotograf und Portraitiertem muss es im wahrsten Sinne des Wortes „Klick“ machen. Nur so gelingt ihm eine Aufnahme, die echt und authentisch ist und die Person in ihrer Einzigartigkeit zeigt. Wie das gelingt, zeigt Peter Hurley in seinem Buch „The Headshot“.

Um ein echtes Lächeln vor der Kamera zu erhalten, muss hinter der Kamera hart gearbeitet werden
Um ein echtes Lächeln vor der Kamera zu erhalten, muss hinter der Kamera hart gearbeitet werden

Wer Anleitungen erwartet, wie und wo das Blitzlicht positioniert wird, welche Einstellungen an Kamera und Blitzgerät vorgenommen werden, wird mit diesem Buch nicht glücklich. Der technische Aspekt beschränkt sich auf wenige Seiten, auf denen Peter Hurley seine Beleuchtungstechnik beschreibt, mehr aber auch nicht. Der Fokus des Buches liegt einzig auf dem Thema, wie es dem Fotograf gelingt, mit der Person vor der Kamera zu kommunizieren und einzigartige Portraits zu kreieren. Fotos, die Peter Hurley „Shabang“ nennt, die einen „WoW“-Faktor besitzen.

Seinen Auftrag als Portraitfotograf beschreibt Peter Hurley so:

„Don’t give them a photograph, give them a gift for life: the ability to feel better about their appearance, because they’ve been with you.“ Peter Hurley

The Art of Sherlock Holmesing

Kapitel 3 stellt die Frage: Was nun? Was geschieht, wenn die Person das Studio betritt? Hurley erzählt, wie er, noch bevor die Person vor der Kamera steht, mit wenigen Blicken herausfindet, welches die beste Seite ist und welche körperlichen Besonderheiten es zu beachten gilt. Mund, Augenbrauen, Kinn, Doppelkinn – Peter Hurley führt den Leser durch seine gesamte mentale Checkliste.

Vertrauen und Zugänglichkeit 

10% Fotograf, 90% Psychologe
Als Fotograf ist man 10% Fotograf, 90% Psychologe – Peter Hurley

Confidence with approachability, umschreibt Peter Hurley seinen Stil. Zu deutsch: Vertrauen und Zugänglichkeit.

Wer vor seiner Kamera steht, soll in seinem Gesicht etwas ausstrahlt das Vertrauen und Zugänglichkeit aussagt. Das zu erreichen, ist das Ziel seiner Arbeit. Schritt für Schritt zeigt Peter Hurley auf, wie er mit den unterschiedlichsten Personen vor seiner Kamera umgeht, um diesen Look zu erhalten. Vom Modell bis zum CEO. Hurley nennt es „Director’s Toolbox“ und erklärt, wie er eine Verbindung zum Portraitierten aufbaut, sein Vertrauen gewinnt, damit die Person schließlich vergisst, dass sie vor einer Kamera steht und fotografiert wird.

Am wichtigsten ist das Kinn

Peter Hurley lehrt einen Trick, das das Aussehen einer Person um Welten verbessert: Die Kinnlinie. In einem Video erklärt er, wie das funktioniert:

https://vimeo.com/35732667

Im Buch ist ein ganzes Kapitel der Kinnlinie gewidmet. Ein weiteres Kapitel ist dem „Squinch“ gewidmet – so nennt Peter Hurley den Gesichtsausdruck, der mit dem Zusammenkneifen der Augenlider erzielt wird. Und weil sich das besser in einem Video erklären lässt, lasse ich das Peter Hurley tun:

Großes Manko – die Bildbeschreibungen fehlen

Das letzte Kapitel nennt sich „Hurleyisms“ und ich gestehe, dass ich es nicht gelesen habe. Es beschreibt, wie Peter Hurley unsinnige Anweisungen erteilt „Point your toes toward Fort Knox“, „Pull the corners of your mounth toward your toenails“ etc.
Das mag für Peter Hurley passen, ist aber nicht mein Ding. Überhaupt muss man Peter Hurleys Art mögen. Wer seine Videos „The Art of the Headshot“ und „Illuminating the Face“, weiß, wovon ich spreche. Wer sie nicht kennt, schaue sich das Video über „The Squinch“ an, dann versteht ihr, was ich meine.

Großes Manko des Buches: Die Erklärungen zu den Fotos fehlen
Großes Manko des Buches: Die Erklärungen zu den Fotos fehlen

Das Buch hält eine Menge Informationen parat und bringt das zu Papier, was Peter Hurley in seinem ersten Video „The Art of the Headshot“ in mehreren Stunden präsentiert. Es liest sich gut, außer dass die Schrift viel zu klein geraten ist, was das Lesen anstrengend macht.

Und es gibt ein großes Manko: Die Kapitel sind mit vielen Portraits bebildert, allerdings fehlen die Beschreibungen. Stattdessen sind die Namen der Portraitierten angegeben. Hier erwartet der Leser Beschreibungen und Erklärungen. Bei zwei Fotos steht darunter „Bad Side“ und „Good Side“. Aber was macht die „Bad Side“ zur schlechten Seite und warum ist die „Good Side“ die gute Seite? Hier ist Erklärungsbedarf von Nöten! Und darin besteht für mich das große Manko des sonst gelungenen Buches.

Wer die Videos von Peter Hurley besitzt oder gesehen hat, findet das Wissen im Buch zusammengefasst und erfährt nichts wirklich Neues, kann also auf den Kauf gut und gerne verzichten.

Wem die Videos zu teuer sind, findet im Buch eine gute, wenngleich nicht kostengüstige Alternative, sein Wissen als Portraitfotograf zu erweitern. Das Buch ist derzeit nur in Englisch erhältlich.

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