Niederthai: Tirols Winterspielplatz aus Sternenstaub

„Möchten Sie einmal dem wahren Winter begegnen?“, lockt die Werbebroschüre des Ötztaler Bergwinters. Nach meiner Pressereise nach Niederthai/Tirol kann ich zu Recht behaupten, dass ich dem Winter begegnet bin. Aber sowas von! Soviel Schnee habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.

Das Ötztal kennt man spätestens seit dem sensationellen Fund des Ötzi, jener Gletschermumie, die 1991 beim Tisenjoch gefunden wurde. Den sucht man im Ötztal jedoch vergebens. Weil sich die Fundstelle an der Grenze auf einem Gletscher befand, dessen Verlauf sich – je nach Tauzustand ändert, wurde der Ötzi Italien zugesprochen, weshalb er sich im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen in einer Kühlzelle befindet und dort ausgestellt ist. Die Tiroler widmeten dem Gletschermann ein Freilichtmuseum: das Ötzi-Dorf in Umhausen, das jedoch im Winter geschlossen ist. Aber das nur so am Rande, denn dieses Mal steht der Schnee im Mittelpunkt!

Für die Anreise wähle ich den Zug ab Basel. In Zürich steige ich in den Railjet der ÖBB. Freies WLAN im Zug! Eines, das funktioniert und schnell ist. Wunderbar! Wegen Lawinengefahr ist die Bahnstrecke zwischen Bludenz und Landeck-Zams gesperrt, und alle Reisenden müssen auf den Schienenersatzverkehr umsteigen. Als Reisender der Deutschen Bahn lässt das Wort „Schienenersatzverkehr“ böses Ahnen. Doch in Österreich klappt alles hervorragend. Es warten genug Busse, freundliche Bedienstete sorgen dafür, dass jeder in den richtigen Bus steigt, selbst die Gepäckverladung funktioniert reibungslos.

Nach rund einer Stunde Busfahrt erreichen wir Landeck-Zams, besteigen den dort bereit stehenden Railjet und weiter geht die Fahrt. Vom Bahnhof Ötztal aus geht es weiter mit dem Taxi, wunderbare Serpentinen hinauf durch verschneite Tannenwälder bis nach Niederthai, wo unsere Pressegruppe im Hotel Falknerhof untergebracht ist. Die Reise steht unter dem Motto „Faszination Schnee auf dem Sonnenplateau Niederthai – Langlauf, Biathlon, Winterwandern und Kultur.“

Mit Luki und Petroleum zum Stuibenfall

Jeden Mittwoch findet eine geführte Laternenwanderung statt

Gleich am Abend nach der Anreise marschieren wir mit unserem Wanderführer Ludwig, den im Ort alle „Luki“ nennen, Petroleumlampen in den Händen schwenkend zum Stuibenfall. „Geführte Laternenwanderung zum Stuibenfall“ steht auf dem Programm. Natürlich war der beleuchtete Stuibenfall eindrucksvoll anzusehen, allerdings trennte uns eine recht massive Schlucht von den stürzenden Wassermassen. Ich schleifte mein Stativ im Rucksack mit und war gedanklich auf eindrucksvolle Bilder DIREKT am Wasserfall eingestellt. Vielleicht hätte man erwähnen sollen, dass es sich um eine Laternenwanderung mit BLICK auf den Stuibenfall handelt, dann wäre ich weniger enttäuscht gewesen, dass wir den Wasserfall quasi aus der Ferne begucken.

Mit 159 Metern ist der Stuibenfall der höchste Wasserfall Tirols

Wenn ich etwas liebe, dann sind das Schneeschuhwanderungen oder Spaziergänge in der Dunkelheit durch frisch gefallenen Schnee. Und was für ein herrlicher Schnee das ist! Kompakt und trocken, herrlich knirschend unter den Schuhen! Für mich der eigentliche Höhepunkt des Laternenmarsches.

Eindrucksvolles Nachtdunkel in den Ötztaler Alpen

Schneedünen säumen das Dorf

Ludwig, ein drahtiger Typ mit schlohweißem Haar und stahlblauen Augen, pensionierter Koch und Gastronom, prescht mit seinen 72 Jahren fesch voran und erzählt munter über das Tal und die Geschichte Niederthais. Dass an steilen Wiesenhängen Kartoffeln angebaut wurden, weil man in jedem Monat des Jahres mit plötzlichem Schneefall rechnen musste. Und die Kartoffeln an den Steilhängen vor Frost geschützt waren. Und dass Niederthai von den Bergen her besiedelt wurde, da der Talkessel früher einmal ein See war. Die kleine Ortschaft ist auf Sand gebaut – davon zeugen die vielen Hügel mitten im Dorf. Allesamt Sandbänke, die sich im tiefsten Winter zu mächtigen Schneedünen auftürmten.

Blick auf Niederthai in der Abenddämmerung

Niederthai liegt auf 1.540 Metern, gilt als einer schneesichersten Orte Österreichs. Im Ort leben knapp 400 Einwohner. Das Hochplateau entstand vor 8 bis 9.000 Jahren durch einen Felssturz, den Köfler Bergsturz. Das muss gewaltig geschüttelt haben, damals. Vergleichbar mit einem Erdbeben der Stärke 7.5 – dieselbe Stärke wie das Erdbeben am 23. Januar 2018 in Alaska, das den Küsten der USA, Kanada und Hawaii kurzzeitig einen Tsunami-Alarm bescherte.

Asteroid krachte in die Ötztaler Alpen

Dabei wurde das Ötztal auf einer Länge von drei Kilometer quasi zugeschüttet. Die Geröllmassen verstopften den Abfluss des Horlachbaches und – tataaa – plötzlich war da ein See. Und irgendwann hatte der See dann mal genug vom See sein und wollte raus aus dem Tal. Also suchte er nach einem Ausgang. Dabei setzte er sich bildgewaltig in Szene: Aus dem Abfluss wurde der Stuibenfall, Tirols größter Wasserfall mit 159 Metern Fallhöhe.

Der Bergsturz, so erzählt uns Ludwig, sei durch einen Kometen ausgelöst worden. Tatsächlich gab es am frühen Morgen des 29. Juni 3123 (vor Christus) eine Beobachtung, aufgeschrieben von einem Astronomen im Zweistromland. Er will eine Feuerkugel gesehen haben. Der flammende Himmelskörper schoss übers Mittelmeer, krachte direkt in die Ötztaler Alpen und löste in der Folge den Bergsturz aus. Dem Himmel sei Dank für das schöne Hochplateau aus Sternenstaub.

Dass sich Niederthai als Sonnenplateau bezeichnet ist übrigens kein Werbegag: Aufgrund der Lage scheint die Sonne tatsächlich länger über das Hochtal als an anderen Orten im Ötztal. 

Voll neben der Spur Teil 1

Ein erster Blick am Freitagmorgen aus meinem Fenster zeigt mir einen ziemlich frostigen und stürmischen Morgen. Nach dem Frühstück geht es zur Verleihstation und mit unseren Trainern Michael und Gerd ab auf die Loipe. Heute lernen wir die klassische Variante des Langlaufs. Das letzte Mal fuhr ich in Kanada Langlaufski – bei minus 33 Grad! So kalt war es heute Gott sei Dank nicht.

Aller Anfang ist schwer – die Technik muss sitzen

Also dann, Schuh in die Ski klicken und ab in die Spur. Beine etwas beugen und Oberkörper nach vorne. Gewichtsverlagerung auf ein Bein, linker Stock nach vorne und rechts kraftvoll mit dem Fuß abdrücken und nach vorne gleiten. Und dasselbe nochmal mit dem anderen Fuß und Stock.

Statt schwungvoll nach vorne zu gleiten, schlurfe ich über den Schnee wie in zu großen Pantoffeln. Uff. Das hatte ich mir einfacher vorgestellt! Ich gleite nicht vorwärts, sondern rutsche nach hinten ab! Ich setze auf die Kraft der Stöcke. Doch Michael winkt ab – die Power muss aus den Beinen kommen. Technik, Technik, Technik! Ich fuchtele wie wild mit den Stöcken im Schnee, um mich nach vorne zu schieben. Kraftvoll rudere ich nach vorne und wanke prompt nach hinten, Mann o Mann, mit dem Gleichgewicht hab ich’s auch nicht so – trotz meiner Yoga-Stunden. Ich schnaufe, doch meine Skier wollen einfach nicht so recht in Fahrt kommen, während mein Puls bereits in der Höchstleistungszone tackert.

Skilanglaufen lernen in grandioser Natur
Olaf der Schneemann

Frustriert frage ich Michael, wo denn mein Problem liege und führe ihm mein Gleiten vor. „Das ist ein Skiproblem“, lautet sein Fazit. Ich habe einfach die falschen Skier erhalten – ein allzu häufiges Problem beim Skiverleih, wie mir Michael bestätigt.

Nix für Leute, die Remmi-Demmi wollen

Niederthai hat neben drei Liftanlagen (für Einsteiger, Anfänger, Kinder) 31 Kilometer an Langlaufloipen und -routen – ist also kein Ziel für diejenigen, die Abfahrtsskifahren wollen und dann auf Après-Ski-Partys gehen.

Urlauber, die Natur und Ruhe suchen, sind in Niederthai gut aufgehoben. Der Ort hat etwas hinterwäldlerrisches an sich – und das meine ich, die ich ja auch auf dem Dorf wohne – durchaus positiv. Die Niederthaier sind stolz – auf sich und auf ihr Dorf. Eigene Trinkwasserversorgung, eigenes Kraftwerk, und ein hervorragendes, schnelles Internet. Ist übrigens dem Bruder unserer Verteidigungsministerin zu verdanken, der hier lebt und eine Internetfirma betreibt. (Könnte der nicht mal den Ausbau in unseren Landen vorantreiben?). Die meisten Einwohner besitzen eine Landwirtschaft und arbeiten nebenbei als Handwerker, Skilehrer, Wander- und Bergführer und bieten Ferienwohnungen an, so auch unsere Ski-Trainer Michael und Gerd. Gerd ist übrigens der stolze Erbauer von Olaf, dem riesigen Schneemann am Loipenzentrum.

Wegen der akuten Lawinengefahr muss unsere Schneeschuhtour am Mittag abgesagt werden. Stattdessen besuchen wir das Schafwollzentrum in Umhausen und bestaunten wie mit 100 Jahre alten Maschinen Wolle zu Wollfilzprodukten verarbeitet wird.

Voll neben der Spur Teil 2

Macht Laune – Biathlon wie die Profis

Am Samstag schnallen wir uns die Skating-Skier an und trainieren erste Runden mit der Skating-Technik beim Biathlon-Stand. Dabei lerne ich Muskeln kennen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie sich an meinem Körper befinden.

Während meine Kollegin Christine wie eine Schneeelfe über die Loipe gleitet, wackle ich mit hektischem Skistock-Gerudere hinterher. Himmel, im Fernsehen sieht das so leicht aus! Immerhin kann ich beim Schießen mit dem Lasergewehr punkten! Auf 50 Meter – derselbe Abstand wie bei den Profis. Liegend – easy. Stehend – nicht ganz so esay. „Ich schieße wie ein Jäger“, meinte Michael zu mir und korrigierte meinen Stand und Haltung. Beide Beine parallel, Oberkörper drehen und Arme fest an die Brust drücken. Und siehe da – damit treffe ich auch stehend ins Schwarze. Yeah! Tolles Gefühl!

Einziger Unterschied zu den Profis: Wir schießen mit Laser

Auf Schneeschuhen zur heißen Schoggi

Aussichtsreiche Schneeschuhtour mit Trainer Michael

Mittags steht die Schneeschuhtour auf dem Programm. So richtig durch Tiefschnee stapfen! Wunderbar. Schnee, der flockt, stäubt und rieselt. Traumhafte Bedingungen mit fantastischen Ausblicken. Im Grastal bestaunen wir die vielen Thaien – Heuhütten, nach denen der Ort benannt wurde.

Traumhafte Schneeschuhtour durch das Grastal

Leider ist die Sonne zickig und versteckt sich und einen großen Teil der Bergwelt hinter satten Wolken. Nach rund eineinhalb Stunden erreichen wir die Larstigalm. Es gibt heiße Schokolade, mit echter Milch und richtig viel Schoggi und einer ordentlichen Portion Sahne obendrauf. Lecker! In Tirol weiß man, was das Herz des Gastes erfreut. Und der selbstgebackene Heidelbeer-Topfenstrudel! Mir läuft jetzt noch das Wasser im Mund zusammen, wenn ich nur dran denke. Wer mag, leiht sich für den Rückweg einen Rodelschlitten und saust hinunter ins Dorf oder watschelt mit den Schneeschuhen auf dem Winterwanderweg zurück.

Postkartenidylle im Grastal

Es schneit und hört nicht mehr auf

Abends beginnt es zu schneien. Und hört nicht mehr auf. Auf dem Parkplatz, wo am Vorabend noch Autos standen, blicke ich am Sonntagmorgen auf Schneehügel. Pausenlos sind Bagger im Einsatz, die den Schnee von der Straße karren.

Die Besichtigung der Dorfschmiede wird kurzfristig gestrichen, das Taxi kommt früher – mit Schneeketten geht es talwärts nach Ötztal zum Bahnhof. Eigentlich schade, grade jetzt, wo es am Schönsten ist, wieder nach Hause zu müssen.

Dieser Zug darf nicht in der Schweiz verkehren

Ab Landeck-Zams Schienenersatzverkehr nach Bludenz. Einsteigen in den Railjet. Nach einer Station die Durchsage: „Dieser Zug darf nicht in der Schweiz verkehren. Bitte alle Fahrgäste in Buchs aussteigen.“ Allgemeines Gelächter der Zugreisenden. Wie bitte? Tatsächlich kann der Railjet wegen anderer Gleisspur nicht durch die Schweiz fahren. Umsteigen auf eine proppenvolle S-Bahn nach Sargans. 40 Minuten Warten auf einen EC der über Zürich nach Basel fährt. Kurz vor Basel Betriebsstörung und weitere Wartezeit. Mit etwas über einer Stunde Verspätung erreiche ich Basel. Laut Aussage eines ÖBB-Bediensteten war es ein ziemlich chaotischer Tag aufgrund der Witterung. Alle Achtung, dass ich mit nur einstündiger Verspätung Basel erreiche. Mit dem festen Vorsatz, mir nun endlich Langlaufskier zu kaufen!

Informationen

Alle in meinem Bericht geschilderten Erlebnisse gibt es mit der Niederthai Card kostenlos. Die Karte ist vom 1. Dezember bis 30. April 2018 gültig und bei den Partnerbetrieben erhältlich.

Übernachtung im Hotel Falknerhof Am Ursprung
Ruhige Zimmer, sehr nette Gastgeber, freundliches und zuvorkommendes Personal, gutes, herzhaftes Essen. Für Veganer ist das Angebot mangelhaft, Vegetarier finden eine ausreichende Auswahl. Da ich nicht ausschließlich vegan esse, habe ich nicht explizit nach veganen Gerichten gefragt.

Weitere Infos über Niederthai erteilt Ötztal Tourismus Umhausen-Niederthai sowie Infos zum gesamten Ötztal über Ötztal Tourismus

Die Einladung zur Pressereise erfolgte vom Ötztal Tourismus.
Meine Reportage über Neiderthai ist im März 2018 in Sonntag Aktuell – Alles Wochenende sowie zahlreichen weiteren Tageszeitungen erschienen.

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