Waldbaden im Schwarzwald

Shinrin Yoku oder Waldbaden ist in aller Munde. Ob Fernsehen, Radio oder Zeitungsartikel – Waldbaden ist in jedem Medium präsent. Es gibt unzählige Bücher und Seminare zum Thema. Was steckt hinter dem neuen Trend und wie tut man das, im Wald baden? Das wollte ich erleben und meldete mich zum Waldbaden im nördlichen Schwarzwald an.

Zusammen mit mir finden sich zehn andere Interessierte zum Waldbaden in Igelsberg, einem Dorf in der Nähe von Freudenstadt im nördlichen Schwarzwald ein. Vier Teilnehmer waren bereits am Tag davor Waldbaden und übernachteten in der Black Forest Lodge von Sarah Braun, die das Waldbaden nach einer erfolgreichen Premiere im Winter nun im Sommer organisiert hatte.

Bodenständig und ohne Esoterik

Mit “Waldbademeisterin” Sabine unterwegs zum Waldbaden im Schwarzwald

Unsere Leiterin, oder soll ich sagen, Waldbademeisterin, Sabine ist mit dem Thema Wald bestens vertraut. Als ausgebildete Biologin besitzt sie einen reichen Erfahrungsschatz was Natur betrifft. Sie habe als Kind immer draußen gespielt und viel Zeit in der freien Natur verbracht, erzählt sie der Gruppe. Ihre Liebe und Begeisterung zum Wald ist authentisch und natürlich. Das ist mir sehr sympathisch: Jemand, der bodenständig ist und ohne esoterisches Gehabe mit dem Thema Waldbaden umgeht und sich seit vielen Jahren voller Leidenschaft damit beschäftigt.

Die Wälder um Igelsberg eignen sich hervorragend zum Waldbaden

Ritual hilft beim Eintauchen in die Waldatmosphäre

Um 10 Uhr brechen wir bei fantastischem Sommerwetter zum Waldbaden auf. Nach kurzem Spaziergang erreichen wir den Wald, von dem es rund um Igelsberg reichlich gibt. Sabine erklärt uns ein Ritual, das uns helfen soll, bewusst in den Wald einzutreten: Jeder soll sich etwas suchen, einen Tannenzapfen, Hölzchen, eine Blume oder bewusst über einen Baumstamm steigen. Damit signalisieren wir unserem Unterbewusstsein, dass wir jetzt den Alltag loslassen, um uns in den kommenden vier Stunden auf den Wald einzulassen.

Es grünt so grün – Waldbaden stärkt das Immunsystem auf natürliche Weise

Wir sollen leise werden, hören, sehen, riechen, den Wind auf unserer Haut spüren, bewusst wahrnehmen, langsam gehen, schauen, staunen und tief ein- und ausatmen, damit wir die wertvollen ätherischen Öle des Waldes, die in den Nadelbäumen stecken, in uns aufnehmen.

Barfuß im Wald

Ich gehe oft im Wald wandern oder spazieren, doch in diesem Augenblick spüre ich eine neue Qualität. Ich gehe langsamer, nicht zielorientiert wie beim Wandern und nehme die Natur um mich herum bewusster wahr. Wie ein Kind, das über alles staunt, was es sieht. Der lichtdurchflirrte Wald, die vielen Grüntöne, das Zwitschern der Vögel, Sonnenstrahlen, die einzelne Farne in einem zarten Grasgrün leuchten lassen. Augenblicklich verspüre ich eine wohltuende Ruhe und Geborgenheit, obwohl ich in einer Gruppe mit fremden Personen zusammen bin.

Ein Fußbad im Wald befreit den Kopf

Sabine lässt uns barfuß durch den Wald gehen. Vorsichtig tasten sich meine Füße über den moosigen Boden. Das Moos ist trocken und samtig weich. Ich setze meine Schritte mit Bedacht, denn im Moos verbergen sich kleine Ästchen und spitze Steine, die ich schmerzhaft in meinen Fußsohlen spüre. Meine Füße freuen sich über die neugefundene Freiheit, die Zehen krallen sich in das Moos, mit den Ballen trete ich auf und ab. Ein herrliches Gefühl erfüllt mich, ich spüre mich der Erde auf eine neue Art verbunden.

Igelsberger Gorilla

Auch das gehört mit zu den Übungen des Waldbadens: Sich selbst zu spüren. Sabine leitet uns mit zwei Atemmeditationen an. Mit Atemtechniken bin ich vertraut, doch lerne ich mit den beiden von Sabine angeleiteten Meditationen neue unbekannte Atemtechniken. Bei der Gorilla-Übung werden durch das stoßweise Ausatmen und Abklopfen des Körpers die Lungen gereinigt und der Körper mit mehr Energie versorgt.

Der Wald lädt mich ein

Das ist er – mein ganz persönlicher Waldbadeplatz

Jeder darf sich danach einen Platz suchen. Ich weiß intuitiv, wohin ich möchte: An einer sonnenbeschienenen Stelle, von Totholz umsäumt, wächst Rippenfarm. Seine Blätter leuchten in einem frischen intensiven Grün. Dort setze ich mich hin und strecke meine nackten Füße in den Farn.

Und die Füße atmen auf

Sabine liest uns etwas aus einem alten Buch über Tannen und Fichten vor. Auch das ist eine schöne Erfahrung: Wann hat mir jemand das letzte Mal vorgelesen? Und ich meine damit keine Hörbücher die ich mir auf das iPhone lade.

Achtsamkeit mit Spinne

Während ich Sabine zuhöre beobachte ich fasziniert wie eine kleine Spinne an der Spitze des Farns ihre Fäden spinnt. Mit der meditativen Achtsamkeit sind meine Sinne wacher und aufmerksamer. Mit einem Mal sehe ich Details, nehme Formen und Farben mit all ihren feinen Nuancen wahr. Wie alles miteinander und durcheinander verbunden ist. Ich entdecke Harmonie, wo zuvor ein wildes Durcheinander herrschte.

Waldbaden lehrt Achtsamkeit

Ich greife nach einem Fichtenzapfen und ziehe ihn aus dem Moos. Vorsichtig drehe ich ihn in meinen Händen und betrachte intensiv den Zapfen. Dabei erkenne ich einen Rhythmus, eine Melodie, eine überirdische Ordnung und mir wird bewusst, dass die Schöpfung kein Zufallsprodukt ist.

Waldbaden beruhigt den Puls

Eine andere Erfahrung während des Waldbadens ist, dass ich mir Zeit lasse. Weil uns Sabine viel Zeit für die Übungen lässt und ich mich ganz darauf einlassen kann. Ohne Hektik und ohne Zeitdruck. Als spüre ich den Puls der Natur, der mein Zeitgefühl neu taktet. In der Natur gibt es keine lineare Zeit. Es ist vielmehr ein immerwährender Kreislauf. Tag und Nacht, Sonne und Regen, Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Sterben und Neubeginn. Im Wald liegen Sterben und Neubeginn direkt nebeneinander. Junge Tännchen wachsen auf Totholz, im Gebüsch liegt das Skelettteil eines Rehschädels, Moose wuchern auf abgestorbenen Baumstämmen.

Tod und neues Leben liegen im Wald dicht beieinander

Wir gehen tiefer in den Wald. In einem märchenhaften Waldstück lassen wir uns nieder. Sabine leitet uns in einer Baummeditation an. Danach entlässt sie uns. Eine Stunde haben wir Zeit. Einfach ruhen und sich auf den Waldboden legen, einfach Nichtstun oder weiter in den Wald gehen. Es ist uns überlassen. Nach wenigen Minuten habe ich die anderen der Gruppe aus den Augen verloren.

Allein im Wald

Langsam gehe ich weiter, bücke mich unter Ästen, gehe über Moos und Baumstämme. Tannenzweige pieksen in mein Gesicht. Ich lasse mich auf die Knie nieder, lege mich auf den Waldboden, greife nach Moos, nach Ästen, spüre den kühlenden Wind auf meiner Haut. Fasziniert betrachte ich die winzigen Moosflechten. Dieser Mikrokosmos aus Farben und Formen, ich kann mich daran nicht satt sehen. Immer wieder nehme ich meine Kamera zur Hand, um diese Augenblicke festzuhalten.

Flechte, Formen und Farben – ein faszinierender Mikrokosmos

Ich stelle mir vor, ich bin ein Reh oder Fuchs und schleiche durch den Wald. Hier ist mein Zuhause, hier gehöre ich hin. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Ich fühle mich wohl, befreit, leicht, unbeschwert. Ich bin Teil des Waldes, er gibt mir Geborgenheit. Er ist mir nicht fremd, ich fühle mich vertraut, obwohl ich nicht die geringste Ahnung habe, wo ich bin und wo sich der Treffpunkt der Gruppe befindet. Aber das ist mir egal.

Das Waldbaden war erfrischender als manche Dusche am frühen Morgen

Ich bin da. Im Hier und Jetzt. Und nur das ist wichtig. Dann finde ich einen Baum und nehme seine Einladung an. Ich lehne mich an seinen Stamm, spüre seine Kraft, seine Erdung, seine Stärke. Wann habe ich das zum letzten Mal getan, nämlich nichts? Ich fühle mich erfrischt und belebt als ich mich auf den Weg zur Gruppe mache.

Auf Wiedersehen Wald – auf alle Fälle

Wir sammeln uns um Sabine und gehen zum Waldrand zurück. Bevor wir den Wald verlassen, sollen wir uns bewusst vom Wald verabschieden. Ich kenne diese Art von Ritual von den kanadischen First Nations. Sie bedanken sich jeweils bei der Natur, wenn sie ihr etwas entnehmen, Kräuter oder Pilze sammeln oder mit der Jagt erfolgreich waren. Meistens hinterlassen sie etwas Tabak, den sie in einem kleinen Lederbeutel immer bei sich tragen. Ich habe keinen Tabak dabei, spreche ein kleines Danke-Gebet aus für das kostbare Geschenk, das mir der Wald gemacht hat.

Auf der Wiese am Waldrand lassen wir uns nieder. Wer mag, erzählt von seinem Waldbaden-Erlebnis. Es sind ganz unterschiedliche Erfahrungen. Während einer einen fast tranceartigen Zustand beschreibt, konnten andere nur “bis zur Hüfte” eintauchen, andere gar nicht, weil ihnen “die Action” fehlte. Andere beschrieben es als wunderbares Erlebnis, das sie gerne öfter in ihrem Alltag integrieren möchten.

Das geführte Waldbaden war eine sehr positive Erfahrung. Sabine hat den Teilnehmern einen wunderbaren Rahmen geschaffen, in dem sich jeder auf die Erfahrung einlassen konnte. Die Übungen, Meditationen und Erläuterungen halfen mir dabei, mich intensiver und achtsamer auf den Wald einzulassen und tatsächlich auch zur Ruhe zu kommen.

Zum Abschluss gab es ein gemeinsames Kaffeetrinken in der Black Forest Lodge mit einem leckeren Heidelbeer-Marzipankuchen und anderen Erfrischungen.

Informationen

Wer gerne einmal selber Waldbaden erleben möchte: Sabine von YoCoMeNa führt regelmäßig Entschleuniguns-Workshops und Waldbaden-Seminare auch mit Yoga durch. Informationen über sie und ihre Kurse auf  ihrer Website YoCoMeNa

Wander- rad- und naturbegeisterte Menschen finden in der Black Forest Lodge von Sarah Braun in Igelsberg einen wunderbaren Ort zum Entspannen. Die Zimmer in einem umgebauten Schwarzwaldhaus sind liebevoll eingerichtet und individuell nach Themen gestaltet.

Sarah bietet regelmäßig Treffen und Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen an. Infos und Buchung über die Website der Black Forest Lodge Igelsberg

Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen einer journalistischen Recherche. Es ist kein gesponsorter oder bezahlter Beitrag. Vielen Dank an Sarah und Sabine für die Einladung zum Waldbaden.

Ein Gedanke zu „Waldbaden im Schwarzwald“

  1. Danke an dieser Stelle für die Vorstellung des neuen Trends. Ich muss gestehen, ich kenne ihn nicht unter diesem Namen. Doch gibt es diese Methode schon seit der frühsten Kindheit meiner Großeltern. Man hat das nur über die Zeit schlicht vergessen.

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