Der erste Schwarzwald-Tatort: Verschneiter Tannenwald und grüne „Kunscht“

Die erste Szene im neuen Schwarzwald-Tatort zeigt, wie könnte es anders sein, den Schwarzwald. Die Kamera verharrt lange und unbewegt auf einem schneebedeckten Tannenwald. Die idyllische, stille Winterwelt wird plötzlich von einem Schuss jäh zerrissen. Ein Fall für Franziska Tobler und Friedemann Berg, die beiden Ermittler aus Freiburg, die ihren ersten Fall in einem kleinen Schwarzwalddorf ermitteln. Wie viel Schwarzwald steckt drin, im neuen Tatort und wie sind sie so, die beiden Schwarzwald- Kommissare?

In der nächsten Szene erleben wir, wie die beiden Tatort-Kommissare nach Goldbach fahren, ein kleiner fiktiver Weiler, irgendwo im südlichen Schwarzwald. Sie steigen aus einem schneeweißen Jeep, ein älteres Modell, keines dieser Bonzen-SUVs, die gerne von Städtern gefahren werden und nie einen Feldweg unter ihre Räder bekommen.

Im Wald wurde ein elfjähriges Mädchen mit einer tödlichen Schussverletzung aufgefunden außerdem ist Linus, der Nachbarsjunge verschwunden. Und auf der Suche nach ihm stellt die Polizei ein Waffenversteck im Wald sicher.

Das neue Tatort-Duo fällt optisch sofort auf: Da ist Friedemann Berg (gespielt von Hans-Jochen Wagner), groß, stämmig, ein kerniger Typ, etwas altbacken, etwas phlegmatisch, gekleidet in Wollpullover, leichter Bauchansatz, brave Frisur. Könnte auch als Lehrer an einer Dorfschule durchgehen. Franziska Tobler (gespielt von Eva Löbau) reicht ihm gerade mal bis zur Schulter. Sie wirkt zart, zerbrechlich, würde nicht groß auffallen, wenn sie bei Aldi an der Kasse sitzt, doch ihre Augen und ihr energisches Kinn spiegeln Entschlossenheit und Willensstärke.

Mehr Kammerspiel als Action-Kino

Der erste Schwarzwald-Tatort ist mehr Kammerspiel denn aktionsreiches Kino. Ruhige Schnitte, mit einer völlig unpassenden Filmmusik unterlegt, die irgendwie düstere Stimmung vermitteln soll, wie man sie von den nordischen Krimis her kennt. Das ist beim Schwarzwald-Tatort leider gründlich daneben gegangen. Die Musik ist einfach nur nervig.

Berg und Tobler sind ein eingespieltes Ermittlerteam, die bereits einige Zeit zusammenarbeiten. Privat ist in der ersten Folge wenig über sie zu erfahren. Als beide noch abends im Kommissariat sitzen holt Berg mit den Worten „Desch ist doch bloß Wasser“ eine Flasche Schnaps hervor und will sich später von Tobler nach Hause fahren lassen. Doch die wird von ihrem Freund erwartet, der sie vom Dienst abholt. Friedemanns Blick als er zuschaut, wie Tobler in das Auto ihres Freundes steigt, spricht Bände. Vermutlich hatten die beiden in der Vergangenheit mehr als ein kollegiales Verhältnis und Berg hegt noch andere Gefühle für seine Partnerin.

Eva Löbau als Franziska Tobler und Hans-Jochen Wagner als Friedemann Berg

Beide agieren unaufgeregt, professionell und ohne große Allüren oder Macken. Die von ihnen gespielten Charaktere wirken echt, obwohl es ihnen anzumerken ist, dass sie sich in den neuen Rollen erst noch zurechtfinden müssen. Es fehlt noch das gewisse Etwas, die Ecken, Kanten und Macken. Noch sind sie etwas flach, ihr Agieren wirkt manchmal so statisch wie die unbeweglichen Tannen des Schwarzwalds. Auch dieser zeigte sich alles andere als mystisch oder düster. Trotz Hubschrauberflügen war nicht viel zu sehen vom Schwarzwald. Die Tannen hätten genauso gut woanders stehen können.

Ortskundige erkennen natürlich die eine oder andere Location im Film. Bernau, z.B., wo sich die Schwarzwaldhäuser der drei Familien befinden, deren Kinder in den Fall verwickelt sind. Jens und Barbara Reutters sind die Eltern des ermordeten Mädchens. Er arbeitet als Arzt in einer Klinik und zog mit seiner Familie aufs Land damit sein Kind in einer heilen Umgebung aufwächst. Dann die Nachbarn Klaus und Steffi Buchwald, die wie moderne Alternative leben und deren Sohn Paul sich in Widersprüche verwickelt.

Und dann sind da die Einheimischen, Nicole und Martin Benzinger, er ist selbstständiger Handwerker, deren Sohn Linus verschwunden bleibt. Drei befreundete Familien, drei Häuser und drei Familienschicksale, auf die sich der Film konzentriert und in dessen Verlauf viel mehr zu Tage gefördert wird, als es den Anschein hat, so wie auch der Schnee mehr und mehr taut und später nur noch die gelbbraune Landschaft zu sehen ist.
Einzig wirklich bleibende und erfrischende Szene ist der Auftritt der Ermittlerin des LKA, deren kecke Art dem Film ein paar farbige Spitzer verleiht. Weiteres wollen wir an dieser Stelle aber nicht verraten.

Welches Bier wird im Schwarzwald getrunken?

Als existierender Ort ist die Tankstelle in Aftersteg samt Ortsschild in einer Szene zu sehen. Witzig sind die kleinen Details, die ins Auge fallen. So liegt auf dem Stubentisch nicht etwa die „Badische Zeitung“, sondern eine fiktive Ausgabe einer „Südbadischen Zeitung“. Und – das dürfte wohl die meisten Fragen aufwerfen: Welche Biermarke im Film getrunken wird. Soviel wird verraten: Es ist kein Tannenzäpfle und auch kein Waldhaus!

Bei der Premiere des Tatorts, der am Dienstag, 26. September im SWR Studio in Freiburg gezeigt wurde, waren die beiden Tatort Kommissare, Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner anwesend. Beide sind sehr sympathisch und authentisch. Und: Hans-Jochen Wagner sieht richtig gut aus, er kommt als Kommissar eben nur sehr langweilig rüber. Bei der Premiere zeigte er sich mit schicker Brille, 3-Tage Bart und schwarzem Hemd. Dem SWR ist mit diesen Schauspielern, die die Tatort-Kommissare verkörpern ein echt guter Coup gelungen. Die beiden passen einfach zum Schwarzwald. Oder könnt ihr euch Lena Odental und Kopper, Ballhauf und Schenk oder gar Charlotte Lindholm im Schwarzwald vorstellen? Eben!

Löbau und Wagner sind beides gebürtige Schwaben und daher nicht der alemannischen Sprache mächtig. Die Kommissare sprechen deshalb Hochdeutsch.

Obwohl mich die erste Folge nicht in ihren Bann gezogen hat und die Musik völlig in die Hose ging, bin ich gespannt, wie sich das Team Tobler/Berg weiter entwickeln wird. Die Dreharbeiten für den nächsten Schwarzwald-Tatort beginnen übrigens in rund drei Wochen. Der Tatort liegt in der Gegend um St. Blasien.
Der erste Schwarzwald-Tatort „Goldbach“ wird am kommenden Sonntag, 1. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen sein.

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