Welche Farbe hat Schnee?

Auf dem Gipfel angekommen, kommt es mir vor, als wären wir eben auf einem Eisplaneten gelandet. Dichte Wolken umhüllen das Herzogenhorn, vom Gipfelkreuz ist nichts zu sehen. Der Wind pfeift eisig über die Bergspitze als wolle er uns damit unmissverständlich klarstellen, dass wir hier oben nichts verloren haben.

Die Wetter App vermeldet einen grandiosen 2. Dezember 2017 für Bernau im südlichen Schwarzwald. Und das am Tag vor Vollmond. In den vergangenen Tagen hatte es Frau Holle außerordentlich gut gemeint und über dem Schwarzwald ihre Flocken in verschwenderischem Maß ausgeschüttelt. Beste Voraussetzungen also für eine Schneeschuhtour auf das Horn, um in der Abendstimmung geniale Fotos aufzunehmen!

Die aufziehenden Wolken verheißen nichts Gutes

Als wir Bernau erreichen, scheint zwar wie vorhergesagt die Sonne, doch über den umliegenden Gipfeln ziehen bereits düstere Wolken bedrohlichen Ausmaßes auf. Die Schneeverhältnisse sind nicht mehr so optimal wie an den Tagen zuvor, doch noch ist der Schnee richtig schön pulvrig und die Tannen und Wälder ächzen unter ihren tief verschneiten Ästen, wie man es von Postkarten her kennt. Wir starten unseren Aufstieg am späten Nachmittag vom Skilieft Hofeck aus und folgen dem gespurten Winterwanderweg Richtung Krunkelbachhütte. Es hat minus 4 Grad, also sehr angenehme Wintertemperaturen für eine Schneeschuhtour.

Auf Schneeschuhen erlebe ich alle Facetten des Schnees Foto: Axel Duval

Schnee schafft Ordnung

Schnee bringt Konturen hervor und schafft auf wundersame Weise Ordnung

Für mich ist Schnee eines der faszinierensten Elemente. Schnee hat etwas Meditatives, Beruhigendes. Schnee bedeutet Stille. Kontemplation. Frieden. Andererseits auch archaische Gewalt, Kälte, Feindseligkeit. Tod. Dem verschneiten Wald haftet etwas Erhabenes, Majestätisches an. Schnee verzaubert eine Landschaft, reduziert sie auf wenige Farben, bringt Konturen hervor, wo zuvor ein farbiges Durcheinander war. Schnee besänftigt das Gemüt. Schnee schafft Ordnung. In eine verschneite Winterlandschaft blicken, ist Seelenbalsam. Durch eine verschneite Winterlandschaft wandern, ist als trinke man einen alchemistischen Zaubertrank. Ich liebe das Licht, die Farben, die Geräusche des Schnees. Und eine Schneewanderung oder Schneeschuhtour ist die ideale Möglichkeit, Schnee in all seinen Facetten zu erleben.

Welche Farbe hat der Schnee?

Und auf einmal waren die Tannen von Gold überzogen

Schnee ist weiß, oder? Schneeweiß. Ja, und doch soviel mehr. Schnee ist blauweiß, grauweiß, weißweiß, graublauweiß, weißblau, blauweiß, lila, orange, rotorange, grauschwarz, grauweißschwarz. Und golden! Ach, ich liebe dieses Wintergold, als wären die Tannen mit Gold überzogen. Es ist die wunderbarste Farbe des Schnees. Und ja, manchmal ist er auch gelb. Die Farbe, die so aussieht wie die vom Nimm2-Bonbon.

Schnee glitzert, schimmert, leuchtet

Während wir den schmalen Gelbe-Raute-Pfad durch tiefen Schnee stapfen, wirft die untergehende Sonne ein wunderbares Licht in den Wald. Auf dem Boden vor mir leuchtet etwas. Ein übernatürliches, sanftes Licht, als wären rosa, orange und rot vermischt, ein zarter Schimmer, wie ein Gruß aus der Ewigkeit. Solches Licht stammt nicht von dieser Welt. So rein, so sanft, so göttlich. Ein überwältigender Augenblick, als ich auf den Boden blicke und den kleinen Lichtfleck, der auf dem Schnee leuchtet, still betrachte.

Stille Augenblicke von denen man nie genug bekommen kann

Die Sonne geht unter. Glutrot scheint sie zwischen Horizont und Wolkendecke und verabschiedet den Tag mit feurigem Lichterglanz. Als sie verschwunden ist, legen wir eine kurze Pause ein und trinken heißen Ingwertee aus der Thermoskanne. Dabei kühlen wir etwas ab. Denn obwohl wir nur ein dünnes Shirt unter unseren Softshelljacken tragen, ist uns durch den Aufstieg mächtig warm geworden. Beim Schneeschuhwandern produziert der Körper so viel Wärme, da muss man aufpassen, dass man nicht zu sehr ins Schwitzen gerät und sich später auf dem Gipfel unterkühlt.

Plötzlich wandelt sich der Schnee und wir sehen seine frostige Fratze

Das Horn zeigt uns sein frostiges Gesicht

Wir gehen weiter, aufwärts auf dem kleinen Serpentinenpfad bis wir kurz darauf den Westgrad des Herzogenhorn vor uns sehen. Es ist der Augenblick in dem sich der Schnee wandelt. Sein liebliches, sanftes Licht ist verschwunden und einem kalten Blau-Grau gewichen. Sein freundliches Lächeln hat sich in eine Fratze verwandelt. Eisig und Frostig. Der Wind bläst kalt, wir ziehen unsere Kaputzen über den Kopf. Und gehen weiter. Schritt für Schritt dem Wind entgegen, der sich uns entgegenstellt. Tannen, die von einer dicken Frostschicht überzogen sind, säumen unseren Weg. Starr blicken sie auf uns herab, als wollen sie uns zurufen: „Stop, geht nicht weiter, sonst endet ihr noch so wie wir!“ Es wird dunkler, kälter, stürmischer. Wir nutzen unsere Steighilfen der Schneeschuhe, damit wir leichter den steilen Grad hinauf kommen. Als hätten sich alle Elemente gegen uns verschworen ziehen noch dichtere Wolken auf. Um uns herum ist alles erstarrt. Tannen, Ruhebänke, Schilder sind von einer dicken Frostschicht überzogen. Meine Haare sind es auch, es hat sich in Feenhaar verwandelt, silberweiß gefrostet.

Landung auf dem Eisplaneten

Stürmisch und bitterkalt ist es am 2. Dezember 2017 auf dem Gipfel des Herzogenhorn

Noch 200 Meter trennen uns vom Gipfelkreuz. Der Wind bläst stärker, je mehr wir uns dem 1.415 Meter hohen Gipfel des Herzogenhorns, zweithöchter Berg des Schwarzwalds, nähern. Nur schemenhaft sehen wir das hohe, schlanke Gipfelkreuz. Als wären wir eben einem Raumschiff entstiegen, das auf einem Eisplaneten gelandet ist. Der Wind jagt die Kälte in jede Öffnung, die er finden kann. Wir legen unsere Rucksäcke auf der Bank ab und holen unsere Stirnlampen und Daunenjacken heraus. Während ich aus meiner Softshelljacke schlüpfe, hält mir Axel die Daunenjacke fest – nicht auszudenken, wenn sie der Wind vom Gipfel fegt! Für einen kurzen Moment muss ich meine Handschuhe ausziehen. Ich komme mir vor wie auf einer Mount Everest Expedition. Es ist so kalt, dass ich Angst bekomme, dass meine Finger erfrieren. Mit dem Windchill sind es locker minus 10, minus 15 Grad. Der Wind und die Kälte ist höllisch. Sobald ich meine Daunenjacke angezogen, die Kapuze über den Kopf gestreift und meine Softshelljacke darüber anhabe, ist mir warm. Nur die Finger, die tun furchtbar weh. Ich helfe Axel in seine Jacke. Die Daunen verrichten ihre Arbeit, wir fühlen uns geschützt und können den wilden Elementen des Windes trotzen. Zeit, uns einen Gipfelschnaps zu gönnen. Aus dem Gipfelfoto wird nichts, der stürmische Wind würde das Stativ umwehen wie einen Grashalm. Wieder einmal habe ich mein Equipment auf den Berg getragen, ohne damit zu fotografieren.

Auf die Gipfelsuppe müssen wir verzichten

Aus unserem Plan, uns auf dem Gipfel eine Gemüsesuppe zubereiten, wird ebenfalls nichts. Wir schultern unsere Rucksäcke und machen uns auf den Abstieg. Im Dämmerdunkel und Nebel ist selbst das Gipfelkreuz nicht mehr zu sehen. Solche Orientierungslosigkeit könnte schnell fatale Folgen haben: Wer nicht weiß, wohin er geht, bringt sich ahnungslos in Gefahr. Der viele Schnee hat auf dem Berg eine tückische Wächte aufgebaut. Wer auf sie tritt, droht abzustüzen.

Eine einfache Gemüsebrühe schmeckt bei Minusgraden einfach wunderbar

Wir marschieren bergab und legen am Fuß des Grads eine Pause ein. Hier ist es windstill. Uns umhüllt die dunkle stumme Nacht des Schwarzwalds. Der Kocher zischt und wenig später wärmen wir unsere Hände an den Tassen und genießen eine heiße Gemüsebrühe.

Märchenwald aus Zuckerguss

Im Schein der Stirnlampen stapfen wir durch den tief verschneiten Winterwald. Dann tauchen die ersten Lichter Bernaus im Tal auf. Wir hören Geräusche – es sind die Schneekanonen und sehen Pistenbullies wie sie die Hänge für den Skibetrieb präparieren. Noch kommen wir uns vor wie in einer anderen Welt. Doch sie ist nicht mehr so eisig und stürmisch. Sie ist friedlich. Ein Zauberwald, ganz in weiß. Obwohl wir nicht viel davon sehen, nur einige Meter, soweit das Licht der Stirnlampen reicht. Um uns herum wirkt der Wald wie eine Märchenwelt aus Zuckerguss.

Abstieg durch den silberschwarzen Winterwald

Als wir kurz vor dem Skilift sind, reißt die Wolkendecke auf, der Mond scheint mit voller Kraft und taucht das Tal in ein silbern-braun fahles Licht. Einzelne Sterne glitzern am Nachthimmel.

Silberschwarzer Schnee im Schwarzwald

Auf dem Heimweg scheint der Mond auf die verschneiten Wälder. Und wieder erlebe ich eine neue Farbe des Schnees. Er leuchtet. Die verschneiten Wälder, Täler, Berggipfel leuchten. In einem gedimmten silberschwarz. Es ist unglaublich hell und fast meine ich, könnten wir auf die Scheinwerfer verzichten. Still genießen wir den silberschwarzen Schwarzwald, der stumm an unserem Autofenster vorbeizieht. Es hat etwas Edles, wie ein schwarzer Diamant, der funkelt.

Wir sind müde, erschöpft, aber beglückt von unserem Schneeschuhabenteuer das so ganz anders verlaufen ist, als wir uns das vorgestellt haben. Aber eben das macht den Winter im Schwarzwald so spannend: Man weiß nie, welches Gesicht er uns zeigen wird.

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