Herzogenhorn: Stiller Gipfel im Schwarzwald

Das 1.415 Meter hohe Herzogenhorn in der höchste Berg im Schwarzwald, der nur zu Fuß (oder im Winter auf Schneeschuhen oder Tourenskiern) erreichbar ist. Das „Horn“ ist der stille Gipfelkönig des Schwarzwalds der durchaus alpinen Charakter besitzt. Auf ihm thront das längste Gipfelkreuz des Schwarzwalds. Seit neustem erwartet den Wanderer in luftiger Höhe eine Himmelsliege, übrigens die höchst gelegene in ganz Baden-Württemberg! Wenn das mal kein Grund ist hochzuwandern, um dort den Sonnenaufgang zu erleben!

Es ist dunkel, nein, es ist finster, ein Nachtdunkel wie es das nur noch abseits der Städte in den Tälern und Höhen des Schwarzwalds gibt. Ohne Leuchtreklamen und Lichtverschmutzung. Die einzigen Lichter die strahlen, sind die Sterne am Firmament. Bizarr zeichnen sich die Umrisse der Wälder ab, erstaunlich wie viel man im Dunkeln doch erkennen kann.

Mit Anbruch der Morgenröte erreichen wir den Gipfel

Wir fahren durch geisterhafte Nebelschwaden bevor wir den Parkplatz am Hofeck in Bernau-Hof erreichen, ein auf 900 Metern gelegenes Hochtal im südlichen Schwarzwald. Von hier aus starten wir unseren Aufstieg auf das Herzogenhorn.

Das felsige Gelände auf dem Gipfel des Herzogenhorn hat alpinen Charakter

Die Luft ist klar und kalt, sie riecht nach Tannen, Wiesen und Wäldern

Es ist 6 Uhr früh als wir unsere Rucksäcke schultern und losmarschieren. Die Luft ist klar und kalt, es riecht würzig und erdig, nach Tannen, Wiesen und Wäldern. Ein Geruch, der so charakteristisch für den Schwarzwald steht, der mich herrlich erfrischt, als atme ich ein Lebenselixier ein. Wir wandern entlang der Weidefelder, auf denen Kühe stehen. Erst als wir wenige Meter an ihnen vorbeigehen, können wir sie erkennen. Das fahle Licht der Mondsichel schimmert durch die Tannen. Es ist zwar noch immer dunkel, doch unsere Augen haben sich längst an die Dunkelheit gewöhnt. Unsere Stirnlampen brauchen wir nicht. Künstliches Licht würde diese Atmosphäre nur stören. Unterwegs wechseln wir nur wenige Worte. Es ist still, nur hin und wieder hören wir das Rauschen der Bäche, die talwärts plätschern.

Zum Sonnenaufgang heißer Kaffee, zubereitet auf dem Campingkocher

Die Geräusche der Nacht besänftigen die Sinne

Ich liebe diese Stimmung. Die Stunde vor Anbruch der Morgenröte, die das Erwachen eines neuen Tages einläutet. Als halte die Natur noch einmal ihren Atem an, um dann loszulassen und sich einem neuen Tag zu öffnen. Diese Stille, die Dunkelheit, die Geräusche der vergehenden Nacht, all das besänftigt und beruhigt meine Sinne. Jeder Schritt bringt mich in Takt mit der Natur.

Es richt nach feuchtem Laub, nach Pilzen, Moos und Wurzeln. Ein erdiger Geruch, der voller Leben steckt. Von den Bäumen fallen Wassertropfen, das Laub raschelt unter den Schuhen. Langsam wird es heller. Konturen werden klarer, der Himmel beginnt zu leuchten. Mit jedem Höhenmeter, den wir erklimmen, weitet sich der Horizont. Die Alpen zeichnen sich am Himmel ab, die Linie ihrer schneebedeckten Gipfel sieht aus wie eine Säge mit abgenutzten Sägeblatt.

Blick auf das Bernauer Hochtal

Dann sehen wir das Gipfelkreuz vor uns. Nur noch wenige Meter und wir stehen auf dem zweithöchsten Gipfel des Schwarzwalds. 1.415 Meter ist er hoch, der Gipfel des Herzogenhorn. Die Aussicht ist überwältigend. Wir stehen still und staunen. Ein kalter Wind weht uns ins Gesicht. Dieser Anblick, dieser Augenblick, er gehört uns, ein Geschenk, das wir ehrfürchtig entgegen nehmen. „Kann man auf schönere Weise trunken werden, als durch die Luft, die man atmet“, schrieb Henry David Thoerau in seinem berühmten Buch „Walden, ein Leben mit der Natur“.

Der gegenwärtige Augenblick ist das kostbarste Geschenk unseres Lebens

Der Sonnenaufgang zeigt, wie kostbar das Leben ist

Für mich hat der Beginn eines neuen Tages eine besondere Bedeutung. Jedes Mal, wenn ich einen Sonnenaufgang erlebe, wird mir bewusst, dass meine Zeit auf der Erde begrenzt ist, dass jeder Sonnenaufgang einer weniger ist, den ich erleben werde. Es ist eine göttliche Stunde, in der mir die Kostbarkeit des Lebens bewusst wird. Und die Flüchtigkeit der Lebenszeit auf dieser Erde. So schnell wie die Morgenröte verblasst, so verblasst mein Leben. Was bleibt, sind die Augenblicke, die ich bewusst erlebe, wie diesen Moment des Sonnenaufgangs. Denn der gegenwärtige Augenblick ist das kostbarste Geschenk unseres Lebens. Der Sonnenaufgang zeigt mir, wie wertvoll dieses Leben ist. Deshalb liebe ich Sonnenaufgänge. Deshalb stehe ich so früh auf und nehme den anstrengenden Aufstieg in Kauf.

Für einen Augenblick ist es ganz still, so als halte die Welt den Atem an

Wir suchen Abenteuer in der Ferne, doch wann sind wir das letzte Mal in der Nacht vor die Haustüre gegangen?

Es ist gut, dass es noch solche besonderen Orte im Schwarzwald gibt. Berge, auf die keine Gondel führt, die unberührt sind und es auch hoffentlich bleiben. Nicht nur die Natur und die Tiere brauchen solche Rückzugsorte. Auch wir Menschen brauchen sie dringend. Wir haben es verlernt, wie kostbar ein Sonnenaufgang ist. Wir haben es auch verlernt, was es heißt, im Dunkeln zu sein. Wer in der Stadt in den Himmel blickt, sieht keine Sterne mehr. Wir bewegen uns nicht mehr im Rhythmus der Natur. Wir tragen funktionelle Outdoor-Bekleidung, doch wie oft schützt sie uns vor Wind und Wetter? Wir fahren SUVs, die in der Stadt die Parkplätze verstopfen, aber nie einen Feldweg unter die Räder bekommen.

Wir suchen Abenteuer und Erholung in den fernen Ecken der Erde, doch wann sind wir das letzte Mal in der Nacht vor die Haustüre gegangen, um einen Nachtspaziergang zu unternehmen um staunend am Himmel nach den Sternbildern zu suchen?

Himmlischer Platz zum Sonnenaufgang auf Baden-Württembergs höchst gelegener Himmelsliege

Das Leben ist kein Internet

Alles hat einen Preis. Das Leben ist kein Internet, in dem so vieles auf einen Klick verfügbar ist. Wenn ich abnehmen möchte, dann helfen keine Pillen oder Diäten. Das geht nur, wenn ich mich dazu entscheide, etwas dafür zu tun. Wenn ich einen Sonnenaufgang auf einem Berg erleben möchte, dann muss ich früh aufstehen. Ist mir die Bequemlichkeit des Schlafs wichtiger, werde ich es nie schaffen. Es kostet mich was. Aber genau das macht das Erlebnis so wertvoll und einzigartig. Um es mit den Worten von Henry David Thoreau zu sagen: „Wenn Tag und Nacht so sind, dass man sie freudig begrüßt, und das Leben nach Blumen und süßen Kräutern duftet, wenn es federt, strahlt, unsterblich ist – das ist der Erfolg.“

Für mich ist es der eisige Wind, der über den Gipfel des Herzogenhorns fegt und am Gipfelkreuz rüttelt, die Weitsicht auf die Alpen, das glühende Morgenrot, der satte erdige Geruch nach Wald, Wiesen und Pilzen, der harzige Duft der Fichten und Tannen, das Plätschern der Bäche. Nirgends fühle ich mich lebendiger als draußen in der Natur, wenn der neue Tag anbricht.

Informationen

Wer auf den Gipfel des Herzogenhorns wandern möchte, startet am Parkplatz in Bernau-Hof und folgt der Beschilderung zum Herzogenhorn. Für die Strecke ist je nach Kondition zwischen 1 – 1,5 Stunden einzukalkulieren. Informationen zu Bernau auf der Webseite der Touristinfo Bernau im Schwarzwald.

Übernachten und Einkehren: Ich empfehle den Bergblick in Bernau-Dorf. Herrlich gemütliche Gaststube, geniales Essen (auch vegan/vegetarisch) und freundlicher Service. 

Gasthaus Bergblick, Hasenbuckweg 1, 79872 Bernau, Telefon 07675/273, weitere Informationen auf der Webseite des Bergblick.

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